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3. Kultur

3.1. Eigene Sprache

Die spezifische Sprache der Gehörlosen ist traditionell die Gebärdensprache, die sich immer da entwickelte, wo zwei oder mehr taube Menschen sich trafen. Es ist anzunehmen dass es Gebärdensprache bereits seit Bestehen der Menschheit überhaupt gab, möglicherweise auch als erstes Verständigungsmittel ohne dass dies durch Taubheit begründet war.

Gebärdensprachen sind vollwertige Sprachen, die in ihren Möglichkeiten gesprochenen Sprachen in nichts nachstehen. Sie besitzen eine eigene Grammatik, die sich den Raum zunutze macht. Die wichtigsten Elemente sind die bewegten Handzeichen (Gebärden), die Körperhaltung und -Bewegung, die Mimik und meist auch das Mundbild.

In der hörenden Gesellschaft weit verbreitet ist die Annahme, es gäbe nur eine einzige universelle Gebärdensprache. Tatsächlich hat sich in jedem Land eine eigene Gebärdensprache in Anlehnung an die jeweils umgebende Kultur entwickelt. Die Entwicklung der landeseigenen Gebärdensprachen erfolgte jedoch immer unabhängig von den jeweiligen Lautsprachen, was zu interessanten Zusammenhängen führen kann. Obwohl in manchen Ländern die Lautsprache gleich und auf einen gemeinsamen Ursprung zurückgeführt werden kann, muss dies nicht für die jeweiligen Gebärdensprachen gelten. So gibt es im deutschsprachigen Raum die Deutsche Gebärdensprache (DGS), die Österreichische Gebärdensprache (ÖGS) wie auch die Deutschschweizer Gebärdensprache (DSGS). Letzere zum Beispiel ist wiederum in fünf verschiedene Dialekten unterteilt (Zürcher, Berner, Luzerner, Basler und St. Galler Dialekt). Unter diesen kann es wiederum auch regionale Unterschiede geben. Im Graubünden zum Beispiel erkennt man Gebärden aus dem Zürcher wie auch aus dem St. Galler Dialekt. Die verbreiteste Gebärdensprache dürfte die American Sign Language (ASL) sein.

Die Gebärdensprache wird vorrangig im Kontakt von Gehörlosen untereinander benutzt. Im Kontakt mit der Mehrheitsgesellschaft wird die Lautsprache benutzt, soweit dies individuell möglich ist.

Gebärdensprachen werden daneben auch von Hörenden benutzt, z.B. von Gebärdensprach-Dolmetschern, Pädagogen oder allgemein an Gebärdensprache interessierten Menschen. Zudem sind die Gebärdensprachen aufgrund ihrer Besonderheiten für Linguisten ein hochinteressantes Forschungsgebiet.

3.2. Schulische Erfassung und Bildung

Im Gegensatz zur Spätertaubung im späten Jugend- oder Erwachsenenalter ist die „Gehörlosigkeit“ vor allem durch deren Bestehen von Kind auf gekennzeichnet. Damit gewinnt die Erziehung und schulische Bildung unter diesem Begleitaspekt eine besondere Bedeutung. Dies ist vor allem dadurch bedingt, dass die weltweit bestehenden regulären Schulsysteme ausnahmslos ihren Schwerpunkt in der mündlichen Vermittlung der Unterrichtsinhalte haben, in einer Form also, die tauben Kindern zunächst nicht zugänglich ist.

Die besonderen Schulen, die sich der Erziehung tauber Kinder widmeten, gewannen damit eine weit über die bloße Bildung hinausgehende Bedeutung für die Gemeinschaft der Gehörlosen. Dies war auch dann der Fall, wenn sie aktuell oder im Nachhinein auf Grund ihrer Methoden als repressiv empfunden wurden. Die Schulen und vor allem die mit ihnen verbundenen Internate waren der Sammel- und Kristallisationspunkt für die Tauben. Fast die gesamte historisch erfassbare Geschichte der Gehörlosen ist praktisch identisch mit der Geschichte der Gehörlosenpädagogik.

Bereits im 18. Jahrhundert bildeten sich zunächst zwei Ansätze von Unterrichtssystemen in Verbindung mit eigenen Sonderschulen heraus: das gebärdensprachlich orientierte System, und die lautsprachorientierte Methode, als deren jeweils erste Vertreter der französische Abbe de l'Epée und der Deutsche Samuel Heinicke angesehen werden. Um die Wirksamkeit und die Nützlichkeit dieser unterschiedlichen Ansätze entbrannte bereits früh ein Streit, der bis heute andauert, er ist als der "Methodenstreit" zwischen der "deutschen" bzw. "oralen" Methode und der "französischen", gebärdensprachlichen Methode bekannt geworden.

Unabhängig davon wie die Sprecherziehung, ob nun in Gebärdensprache oder auditiv-verbal, vollgezogen wird, ist der Unterricht im Lesen und Schreiben ähnlich dem von normalhörenden Kindern. Nicht unüblich ist es, dass dies schon im Kindergartenalter stattfindet.

Auf dem Mailänder Kongreß von 1880 entschieden sich die damaligen führenden Pädagogen, alle tauben Kinder ausschließlich lautsprachlich zu schulen, Fortentwicklungen der Medizin und der Technik suggerierten die jeweils bald bevorstehende Heilbarkeit von Taubheit und wirkten zusätzlich fördernd für die „orale“ Methode. In den 1950-er Jahren wurde schließlich die so genannte auditiv-verbale Methode entwickelt, bei der taube Kinder nicht mehr nur artikulieren und Lippenablesen lernen, sondern -sofern Hörreste vorhanden waren - auch das Hören trainieren sollten. Die Auseinandersetzung hat sich an den Sonderschulen jetzt verlagert auf die Polarität zwischen rein lautsprachlich orientiertem Monolingualismus und dem Bilingualismus, der neben dem Gebrauch der Gebärdensprache für die parallele Lehre und Verwendung der Lautsprache plädiert.

Die aktuellen Ansätze zur schulischen Bildung tauber Kinder sind mittlerweile sehr differenziert geworden. Im deutschsprachigen Raum war bisher die Beschulung in einer Sonderschule für Gehörlose oder - bei größerem Resthörvermögen - einer Schule für Schwerhörige der Standard. Um das Jahr 2000 herum standen in Deutschland für schätzungsweise 10.000 bis 20.000 taube oder hochgradig schwerhörige Schüler etwa 60 Sonderschulen zur Verfügung. Das Rheinisch-Westfälisches Berufskolleg für Hörgeschädigte in Essen ist die größte Sonderschule für Schwerhörige und Gehörlose in Deutschland und führt Bildungsgänge bis zur Fachhochschulreife und zur Allgemeinen Hochschulreife. Die Schule wird von ca. 900 Schülerinnen und Schülern aus ganz Deutschland, zum Teil auch aus dem deutschsprachigen Ausland besucht.
Eine umfassende Liste von allgemeinbildenden und weiterführenden Sonderschulen ist in der Website Taubenschlag, Abschnitt Lernen / Schule enthalten.

Wegen der geringen Klassenfrequenzen lokaler Schulen bestimmten vor allem die schwächeren Kinder das Niveau an den Sonderschulen. Dies führte zunächst zu einer Abwanderung von den Gehörlosenschulen zu den Schwerhörigenschulen. Inzwischen hat sich, ausgehend von den körperbehinderten Kindern der Gedanke der Integration auch auf das Feld der Hörgeschädigten übertragen, mit der Folge eines Trends zur Abwanderung an die Regelschule.
Begünstigt wird diese Diversifizierung in Deutschland auch davon, dass letztlich die Eltern bestimmen können, welche Schule ihr Kind besucht, und diese das in ihren Augen gegebene Optimum zu wählen versuchen. Bei den Schulbehörden in Deutschland wird verschiedentlich auch der Regelschulbesuch mit dem Argument der „Integration“ offensiv gefördert, wobei im Hintergrund jedoch oft die Erwartung der Kostendämmung durch Einsparungen von Sonderschul-Pädagogen und separaten Schulen steht.

Der „integrative“ Schulbesuch an einer Regelschule hat keine einheitliche Fassung, es gibt neben dem sonderpädagogisch völlig unbegleiteten Regelschulbesuch noch den sonderpädagogisch und /oder von einer Gebärdensprachdolmetscherin begleiteten Schulbesuch, sowie sehr vereinzelt auch das Konzept der „umgekehrten“ Integration, bei der in eine Sonderschule nicht behinderte Kinder aufgenommen werden.

Je weniger sonderpädagogische oder sprachliche Unterstützung bei einem „integrativen“ Regelschulbesuch erfolgt, umso mehr ist der Erfolg dieses Schulbesuchs von besonders hoch entwickelten Fähigkeiten und Talenten des Kindes abhängig. Unberücksichtigt bleibt bei der Diskussion der integrativen Beschulung in der Regel die „Gefühlslage“ des Kindes, das im Klassenverband der anderen Kinder mehr oder weniger eine Sonderstellung einnimmt, die zusätzlich zum Unterrichtsstoff auch psychisch verarbeitet werden muss.

3.3. Freizeit-, Sport- und Kulturvereine

Da taube Personen durch ihre Kommunikationsbehinderung in der Gesellschaft häufig isoliert sind, werden soziale Kontakte gern innerhalb von Gehörlosenkreisen gepflegt. Die über Jahrhunderte hinweg gepflegte Gemeinschaft mit gleichartig Betroffenen führte zumindest im außerberuflichen, privaten Bereich zur Entwicklung einer eigenen Kultur.

Zur speziellen Kultur der Gehörlosen gehört neben der Gebärdensprache beispielsweise, dass es in sämtlichen größeren Städten einen Verein und einen festen Treffpunkt, oft "Clubheim" genannt, gibt. Stark entwickelt ist zudem der Gehörlosensport. So werden weltweit die Deaflympics jeweils ein Jahr nach den Olympischen Spielen veranstaltet.

Auch in den "schönen Künsten" haben sich eigene Strukturen gebildet, so z. B. mit dem Gehörlosentheater, Gebärdensprachchören und den Kulturtagen der Gehörlosen.

Wichtiger Bestandteil der Gehörlosen-Kultur sind auch deren meist hörende Kinder, die der Gemeinschaft oft lebenslang verbunden bleiben und auch ihre eigenen Vereinigungen haben. Sie sind international unter dem Akronym CODAs - Children of Deaf Adults - bekannt.

Gehörlose, die in der Gehörlosen- und Gebärdensprachgemeinschaft leben, lehnen medizinische und juristische Definitionen von Gehörlosigkeit ab, nach denen sie unvollständig, reparaturbedürftig und behindert sind. Nach ihrem Selbstverständnis handelt es sich bei der Gehörlosengemeinschaft um eine sprachliche und kulturelle Minderheit.

3.4. Interessenvertretungen

Als politische, soziale und kulturelle Interessenvertretung der Gehörlosen im deutschsprachigen Raum betrachten sich der Deutsche Gehörlosen-Bund, der Österreichische Gehörlosen Bund (ÖGLB), der Schweizerische Gehörlosenbund (SGB) und der Weltverband der Gehörlosen WFD.

Als politische und soziale - jedoch nicht kulturelle - Interessenvertretung im deutschsprachigen Raum für lautsprachlich kommunizierende Hörgeschädigte betrachten sich Lautsprachlich Kommunizierende Hörgeschädigte Deutschland (LKHD e.V.) und Lautsprachlich Kommunizierende Hörgeschädigte Schweiz (LKH Schweiz)


[Enzyklopädie: Gehörlosigkeit. DB Sonderband: Wikipedia 2005/2006]