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Fragen Sie sich manchmal, ob und wozu jemand im Zeitalter von E-Mail und SMS überhaupt noch das Telefon zum Sprechen benützen muss? Es gibt Hörende, die sind der Meinung, dass Gehörlose heute dank E-Mail und SMS das Telefon nicht vermissen. Aber Hörende benützen nicht nur E-Mail und SMS, sondern sie telefonieren weiterhin wie gewohnt mit anderen Menschen. Kaum ein Hörender wird seinen alten Telefonapparat weggeworfen haben. Im Gegenteil, fast jeder hat inzwischen zusätzlich noch ein Handy und so wird vermutlich mehr denn je telefoniert. Und E-Mail und SMS kommen einfach noch dazu. Wir haben heute also einfach sehr viel mehr Kommunikation als früher. Natürlich bedeutet das nicht automatisch, dass verständlicher und besser kommuniziert wird, wenn ausser mit dem bisherigen Telefon zusätzlich noch via SMS und Computer kommuniziert wird. Denn mit der heutigen grossen Informationsmenge werden wir immer stärker überflutet von Banalem, Belanglosem und lästigem Spam.
Neben dem persönliche Gespräch ist das Telefon der direkteste und persönlichste Draht zu einem anderen Menschen. Sicher ist das „gute alte Schreibtelefon“ nicht mehr ein modernes „Hightech“-Gerät, das bewundernde und staunende Blicke auf sich zieht, wie es vor 20 Jahren noch der Fall war. Heute können dank coolen Handys auch Gehörlose via SMS problemlos mit hörenden und gehörlosen Handybesitzern Kurzmitteilungen austauschen. Man kann so spontan kommunizieren, auch wenn nur in knappen Worten, quasi im „Telegrammstil“. Und es funktioniert auch rasch als kurzer Dialog hin und her, wenn man in der etwas mühsamen Buchstabeneingabe über die Handytastatur geübt ist. Logisch, dass vielleichtcht vor allem jüngere Gehörlose heute das Schreibtelefon altmodisch finden. Auch seitens der Hersteller scheint man dem Schreibtelfon keine grosse Zukunft mehr zu geben.
Doch lassen wir uns nicht über etwas Wichtiges hinwegtäuschen: SMS und E-Mail sind in vielen Fällen kein geeigneter Ersatz für das Schreibtelefon, wenn man mit einer hörenden Person etwas persönliches oder komplizierteres besprechen oder klären möchte.
Nur via Schreibtelefon und Vermittlung hat man im Telefongespräch einen unmittelbaren, direkten und persönlichen Dialog mit dem hörenden Gesprächspartner. Man bekommt eine klare, unmittelbare und direkte Reaktion und kann sofort und genauso direkt darauf eingehen. Und dieser Vorteil ist der Grund, weshalb auch Hörende das Telefon nicht wegwerfen, sondern – also im Gegenteil - immer häufiger telefonieren. Früher lautete ein Werbespruch der damaligen PTT: „Sag’s doch schnell per Telefon“. Und auch heute gilt noch, dass das Telefon eine sehr praktische Erfindung ist. Auch wenn man heute mit einem modernen Telefon viel mehr als nur Telefonieren kann.
Die moderne Technik ist äusserst praktisch, um rasch jemandem eine Nachricht zu senden. Manchmal erzielen wir aber beim Empfänger eine unerwünschte oder unpersönliche Wirkung. Beispielsweise ist eine SMS etwas „saloppes“ und nicht unbedingt für streng seriöse oder vertrauliche Mitteilungen geeignet. Je nach Situation sollte die beste Kommunikationsform wählen und darum deren Unterschiede kennen. SMS ist beschränkt auf 160 Zeichen und eignet sich gut für Kurzmitteilungen unter Kollegen. Beispielsweise zum Abmachen oder bei Verspätungen. Aber ein Heiratsantrag :-) oder gar eine Kündigung :-( ist wohl nicht wirklich angebracht über SMS. Denn Vertrauliches und zu Gewichtiges via SMS senden, ist weder seriös noch taktvoll. Eine taktlose SMS kann dadurch auch jemanden gewaltig verärgern.
E-Mail bietet die gleichen Möglichkeiten wie ein Brief per Post. Nur ist er viel rascher und billiger als die „Schneckenpost“ und darum äusserst praktisch. Man kann damit sehr lange und ausführliche Mitteilungen machen. Und sogar Bilder, Fotos, Dokumente usw. beilegen (als „Attachment“). Aber es ist eben auch weniger persönlich als ein handgeschriebener (Liebes-)Brief, der mit der Post verschickt wird. Und für Originale, Verträge und Dokumente mit Unterschriften ist die Briefpost oft der einzige Weg.
Der Fax ist in vielen Fällen vom E-Mail abgelöst worden. Durch die starke private Verbreitung von Computern mit Internetzugang mailt man heute, statt zu faxen. Aber immer noch kann der Fax praktisch sein, vor allem für Personen ohne Computer oder Menschen, die gerne Handschriftliches oder anderes im Original übermitteln wollen (ohne es vorher einscannen zu müssen).
Das Telefon ist nach wie vor die beste Lösung, wenn es um einen raschen und persönlichen klärenden Dialog geht. Denn wenn es ein Hin- und Her gibt an Fragen, Antworten und Rückfragen, dann wird das auch mit E-Mail schnell mühsam. Ein klärendes Telefongespräch ist oft auch freundlicher als ein endloser E-Mailverkehr.
Ohne Telefon wäre man oftmals richtig aufgeschmissen. Dank Schreibtelefon und Vermittlungsdienst können auch Gehörlose - jemanden spontan anrufen - telefonisch eine Wohnung suchen - Stellensuche und Bewerbungsanfragen machen - im Krankheitsfalle den Hausarzt anrufen - einen Termin telefonisch vereinbaren - private Telefongespräche zum Plaudern mit Familienangehörigen, Freunden, Kollegen und Bekannten führen. Gehörlosigkeit behindert die Kommunikation. Der Zugang zum Telefon ermöglicht eine grössere Selbständigkeit und hilft beim „Dazugehören“. Um auch wie Hörende selber mit einem anderen Menschen ein Gespräch am Telefon führen zu können, benötigen Gehörlose einen kompetenten Vermittlungsdienst.
Vermitteln = Telefon-Dolmetschen: Zwischen dem Gehörlosen am Schreibtelefon und dem Hörendem am Sprechtelefon ist ein Mensch dazwischen, wie in einem Sandwich. Diese Rolle ist vergleichbar mit einem Gebärdensprach-Dolmetscher, der persönlich anwesend das Gespräch zwischen Gebärden- und Lautsprache übersetzt. Und zwischen Kulturen vermittelt, Missverständnisse ausräumen kann durch die grosse Erfahrung als kompetente Dolmetscherin. Also auch Gesprochenes „zwischen den Zeilen“ oder Lautstarkes wahrnimmt und sachlich und moderat übersetzt. Auch als Nachteilausgleich für den Gehörlosen da ist und hilft, wenn am Schreibtelefon Stimmungen von Hörenden im Telefongespräch nicht bemerkt werden. Nur dann kann eine Verständigung am Telefon - trotz Handicap der Gehörlosigkeit – optimal sein.
Ausser der Schweiz gibt es nur ganz wenige Länder, in denen für Gehörlose Telefonvermittlungsdienste hilfreich zur Seite stehen. Begreiflich, dass der Österreichische Gehörlosenbund im Jahr 2007 mit einer Unterschriftensammlung eine Telefonvermittlungszentrale fordert: „Warum hat Österreich noch immer kein Telefon-Relay Center? Wir fordern barrierefreie Kommunikation durch einen Telefonvermittlungsdienst.“ Die Telefonvermittlung ist für Schweizer Gehörlose seit bald 20 Jahren beinahe selbstverständlich. Jetzt kämpfen auch die Österreichischen Gehörlosen für eine eigene Telefonvermittlung.
Braucht es die Vermittlung noch in 10 Jahren? Oder wird es dann am Telefon Computerlösungen mit Spracherkennung geben, die Gehörlosen als Kommunikationshilfe einen direkten Telefonanruf ohne Vermittlung ermöglichen? Bei aller Begeisterung für die raschen technischen Fortschritte, die in den letzten Jahren gemacht wurden: Gerade bei Computer-Übersetzungen in Fremdsprachen sieht man deutlich, dass Grenzen gesetzt sind und Missverständnisse entstehen können, weil ein Computerprogramm eben inhaltlich keinen Zusammenhang im Sinn der Worte und Sätze erblicken kann. Dem Computer fehlt das „Sprachgefühl“ ebenso wie der „gesunde Menschenverstand“. Ähnliches gilt auch für die Spracherkennungsprogramme. Man trainiert damit, bis sich der Computer an die eigene Stimme und die persönlichen Merkmale der Aussprache gewöhnt hat, bzw. diese gelernt hat. Trotzdem schreibt der Computer zwischendurch immer wieder Merkwürdigkeiten, die vielleicht lustig sind, wenn wir diese Fehler am Bildschirm entdecken. Aber möchten wir mit diesem Risiko eine verbale Kommunikation mit einem Menschen führen? Und dabei nie ganz sicher sein, dass sich nicht ein Spracherkennungsfehler eingeschlichen hat, der zu einem unbemerkten oder gar peinlichen Missverständnis führt? Wer weiss, vielleicht wird es dereinst eine gute Lösung geben, aber in naher Zukunft ist wohl nicht damit zu rechnen. Eine praktikable Lösung für Gehörlose ist das Bildtelefon nur, wenn beide Gesprächsteilnehmer sich via Bildschirm in Gebärdensprache oder/und durch Lippenablesen verständigen können. Die Grenzen in der Verständigung mit Hörenden sind dadurch (ohne Vermittlungsstelle dazwischen) klar gesetzt. Kommt dazu die Frage: Will man sich am Telefon wirklich immer sehen? Auch am morgen früh, vor dem ersten Kaffee? Bei heiklen Gesprächen? In unangenehmen Situationen (den Chef anrufen, weil man verschlafen hat)? Sich hören aber sich dabei nicht gegenseitig sehen, das ist ein Bestandteil der bisherigen hörenden „Telefonkultur“. Und es ist anzunehmen, dass es vielen Menschen recht ist, wenn es so bleibt. Jedenfalls hat sich auch auf dem Handy das Bildtelefon bisher kaum durchgesetzt.
Die Stiftung Alexander Graham Bell finanziert sich ausschliesslich über freiwillige Spenden und Gönnerbeiträge und ist so auch unabhängig von staatlichen Subventionsgebern oder kommerziellen Sponsoren. Wir sind der Überzeugung, dass die von uns erbrachten Kommunikationshilfen für Gehörlose nicht nach dem „Verursacherprinzip“ von den Benützern voll finanziert werden sollen. Dies würde auch die Möglichkeiten der meisten Benützer vollständig überfordern. Natürlich spricht nichts dagegen, dass auch Gehörlose mittels freiwilliger Spenden einen eigenen Beitrag an die Kosten unserer Dienstleistung beisteuern. Weil die Hauptkosten der Vermittlung durch den intensiven Personalaufwand entstehen, können wir nur Öffnungszeiten im Rahmen der jeweiligen Möglichkeiten anbieten. Zur Zeit sind dies die bekannten Öffnungszeiten. Sobald es die finanzielle Situation erlaubt, werden wir selbstverständlich sowohl einen Ausbau der Öffnungszeiten als auch der Anzahl der gleichzeitig besetzen Vermittlungs-Arbeitsplätze vorantreiben.
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